Kann ein sparsames Leben uns retten?

By | Oktober 2, 2019

Zur Zeit wird oft verkündet, dass wir auf bestimmte Dinge verzichten sollen und dadurch die Welt retten. Wir sollen zum Beispiel auf Plastiktüten und Flugreisen verzichten. Kann ein sparsames Leben uns retten? Ein Faktencheck.

Wir sind heute fast 8 Milliarden Menschen auf dieser Erde, die im Durchschnitt einen Gesamtenergieverbrauch von etwa 20 Kilowattstunden pro Tag haben und das ist insgesamt zu viel. Als durchschnittliche Europäer verbrauchen wir das Zehnfache, also etwa 200 Kilowattstunden pro Tag.

Um ein Gefühl zu bekommen, wie sich Kilowattstunden in Heizen, Kühlen und Verkehr umrechnen, hier ein Beispiel: 100 km Auto fahren verbraucht etwa 80 Kilowattstunden. Die Quelle hierfür ist David MacKays Buch. Es steht unter creative commons license, jeder kann es kostenlos in vielen Sprachen lesen, darüber nachdenken und es diskutieren:

http://withouthotair.com

Wo können wir sparen und was bringt es?

Nehmen wir mal die drei größten Posten aus dieser 200-Kilowattstunden-pro-Tag-Rechnung heraus, nämlich Flugreisen, Auto fahren und Fleisch essen, kommt der Durchschnittseuropäer, der auf all das verzichtet, auf immer noch 80 Kilowattstunden pro Tag. Abgesehen davon, dass ich es für unwahrscheinlich halte, dass plötzlich alle Europäer auf Flugreisen, Auto fahren und Fleisch essen verzichten, würde uns selbst eine so radikale Maßnahme nichts nützen.

Das lässt sich leicht am bekanntesten Gedanken des Immanuel Kant zeigen: Das eigene Handeln mögen so gestaltet sein, dass es Maßstab für das allgemeine Handeln sein könnte. Am Beispiel Klimawandel und Nachhaltigkeit bedeutet dieser Gedanke, dass die Ressourcen der Erde durch das eigene Handeln nicht übermäßig beansprucht werden sollen, dass also, wenn jeder so handelte wie man selber, die Welt nachhaltig bewirtschaftet würde.

Bereits 20 Kilowattstunden pro Tag sind bei 8 Milliarden Menschen für diesen Planeten zu viel. 80 Kilowattstunden sind das Vierfache!

Wenn ich also auf Flugreisen, Auto fahren und Fleisch essen verzichte und in einem gut isolierten Haus in der Stadt wohne, von dem aus Alles fußläufig erreichbar ist, liege ich immer noch bei dem Vierfachen des Weltdurchschnitts und selbst dieser Weltdurchschnitt ist noch nicht nachhaltig. So gesehen, können wir uns eigentlich direkt eine Kanone an den Kopf halten und uns erschießen, oder? Das halte ich, besonders für das individuelle Leben, jedoch auch nicht gerade für eine sehr nachhaltige Lösung.

Der Denkfehler liegt darin, dass wir die heutige Art der Energie- und Ressourcennutzung mit 90% Kohle, Öl und Gas als Maßstab nehmen. Rettung kann also nicht allein aus dem individuellen Verzicht kommen. Verzicht kann wohl ein Beitrag zur Rettung sein. Rettung kann nur daher kommen, dass wir Kohle, Öl und Gas durch etwas anderes ersetzen.

Physikalisch gesehen, gibt es dafür genau zwei Möglichkeiten: Sonnenkraft aus den heißen Wüsten oder Kernkraft. Wie es zur Zeit aussieht, brauchen wir beides in großer Mengen, sonst ist das Problem nicht aus der Welt zu schaffen und es wird bald für Menschen extrem ungemütlich auf diesem Planeten.

Zurzeit reicht der Zubau dieser beiden Techniken nicht einmal dafür, den wachsenden Energiebedarf zu decken. Daher werden heute noch neue Kohlekraftwerke gebaut und in Betrieb genommen.

Denn die Menschen, die heute weniger als 20 Kilowattstunden pro Tag verbrauchen, möchten gerne einen besseren Lebensstandard haben, sie möchten nicht hungern sie möchten Kleidung, Häuser und Fahrzeuge. Und die Weltbevölkerung wächst. Wir werden nicht 8 Milliarden bleiben sondern demnächst 10 Milliarden sein.

Wenn Greta Thunberg von „radikalen Maßnahmen“ spricht, soll das dann bedeuten, gegen den Widerstand der Atomkraftgegner Atomkraftwerke zu bauen und gegen den Widerstand von Terroristen und religiösen Fanatikern in den heißen Wüsten große Solaranlagen zu errichten? Ich jedenfalls halte überhaupt gar nichts von derartigen Zwangsmaßnahmen.

Ich bin darüber hinaus auch sehr skeptisch, dass dieser feuchte Traum von der Ökodiktatur Wirklichkeit wird. Und ich bin fest überzeugt, dass nur Einsicht und Freiwilligkeit zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führen werden. Ob wir Zeit haben, weiterhin auf die Einsicht zu warten?

Die Fakten des Klimawandels sind bereits seit Ende der 1970er Jahre bekannt. Ich zum Beispiel weiß davon seit Anfang der 1980er Jahre. Die sogenannten „Grünen“ haben diese Fakten bis heute nicht begriffen und beschäftigen sich daher intensiv mit Symbolpolitik. Das ist zwar populär, hilft aber in der Sache nicht weiter.

Genau so wenig hilft es, festzustellen, dass, wenn man der Erkenntnis gelebt hätte und ab Ende der 1970er Anfang der 1980er Jahre sämtliche Kohlekraftwerke durch Atomkraftwerke ersetzt hätte, es heute keinen Klimawandel geben würde, der uns solche Sorgen machen müsste. Das stimmt zwar, führt aber zu überhaupt gar nichts, denn es wurde ja nicht getan. Die einzige Frage, die heute interessant ist lautet: was können wir heute tun?

Im Sinne von Luther sollten wir wahrscheinlich tatsächlich das Apfelbäumchen pflanzen. Das schadet jedenfalls nicht und wir werden uns dann besser fühlen. Nach allem menschlichen Ermessen aber werden wir als Menschheit von 10 Milliarden mit der Art, wie wir jetzt mit dem Problem umgehen, nicht überleben.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass durch Naturkatastrophen und Ähnliches in Zukunft deutlich weniger Menschen auf diesem Planeten leben werden. Wenn dieser Prozess ungeregelt passiert, werden diese wenigen Menschen allerdings auf Steinzeitniveau leben. Das könnte dann nachhaltig sein … die Frage ist nur: Ist das die Zukunft, die wir anstreben?

Frank Fremerey, Bonn am 1. Oktober 2019

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